Armut im internationalen Vergleich

Armut lässt sich nicht nur an einem Kriterium festmachen. In der EU werden deshalb verschiedene Armutsbegriffe verwendet. Doch egal, wie Armut gemessen wird – Deutschland gehört zu den Ländern, in denen die Menschen einigermaßen über die Runden kommen und in den meisten Fällen genügend finanzielle Ressourcen haben, um sich einen gewissen Lebensstandard zu leisten. Noch besser lebt es sich allerdings in Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und Schweden. In den mittel- und südeuropäischen Ländern zeigen sich dagegen die größten Armutsprobleme.

 

Europa matttilda FotoliaMöchte man Armut international vergleichen, muss man sich zunächst damit auseinandersetzen, was hierunter zu verstehen ist. Meist wird dabei die relativ einfach messbare relative Einkommensarmut verglichen. Danach gilt als arm, wer nur über ein vergleichsweise niedriges Einkommen verfügt – gemeint ist damit die Unterschreitung eines bestimmten Prozentsatzes des mittleren Einkommens. Diese Definition reduziert Armut jedoch auf ein spezielles Maß an Einkommensungleichheit. Nach der offiziellen Definition der Europäischen Kommission gilt dagegen als arm, wem es aufgrund mangelnder Ressourcen unmöglich ist, ein würdevolles Leben mit einem annehmbaren Lebensstandard zu führen. Damit hat Armut zwei Seiten: die der Ressourcen und die der Lebensumstände. Nur wenn das Geld nicht reicht, um sich ein Mindestmaß an Gütern und Dienstleistungen zu kaufen, wird von Armut gesprochen. Umgekehrt sind geringe Mittel nur dann ein Problem, wenn sie die Menschen tatsächlich zwingen, sich unzumutbar einzuschränken.

 

Armutsbegriffe
Armutsdefinition der EU Nach der offiziellen Armutsdefinition der Europäischen Kommission aus dem Jahr 1984 sind verarmte Personen „Einzelpersonen, Familien und Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, indem sie leben, als Minimum hinnehmbar ist.“
Relative Einkommensarmut (Armutsrisiko-
quote)
Relative Einkommensarmut liegt nach einer Konvention vor, wenn das Nettoäquivalenzeinkommen einer Person weniger als 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste) beträgt. Der Anteil der Personen in relativer Einkommensarmut wird als Armutsrisikoquote bezeichnet.
Äquivalenz-
einkommen
Bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das Einspareffekte durch gemeinsames Wirtschaften mehrerer Personen in einem Haushalt und den geringeren Bedarf von (jüngeren) Kindern berücksichtigt. Das Äquivalenzeinkommen rechnet das Pro-Kopf-Einkommen auf den Bedarf eines Singles um. Es gibt allerdings keine wissenschaftlich eindeutig bestimmbare Skala, um die Einspareffekte durch gemeinsames Wirtschaften exakt zu ermitteln. Von der Europäischen Union wird eine Skala mit relativ hohen Einspareffekten verwendet. Danach braucht ein Ehepaar mit zwei Kindern 2,1-mal so viel wie ein Single. Bei einem Haushaltseinkommen von 2.100 Euro hat es daher das gleiche Äquivalenzeinkommen wie eine alleinstehende Person mit 1.000 Euro.
Deprivationsarmut Während bei relativer Einkommensarmut die Armutsmessung an den Ressourcen ansetzt, also indirekt vorgeht, wird bei der Deprivationsarmut direkt erfasst, ob Merkmale, die einen Mindestlebensstandard ausmachen, fehlen. Hierbei wird teilweise in (Vor-)Befragungen ermittelt, welche Merkmale von der Mehrheit der Bevölkerung als unverzichtbar angesehen werden. Zusätzlich gefragt wird, ob Merkmale – beispielsweise eine tägliche warme Mahlzeit –aus finanziellen Gründen fehlen, um so sicher zu stellen, dass es sich auch tatsächlich um einen erzwungenen Verzicht handelt und nicht um besondere individuelle Vorlieben.
Kombinierte Armutsmessung Einen kombinierten Armutsindikator verwendet beispielsweise die irische Regierung. Armut liegt hier nur dann vor, wenn relative Einkommensarmut und Deprivationsarmut zusammentreffen. Durch die Kombination ist größere Treffsicherheit möglich: Denn einerseits ist es denkbar, dass trotz geringen Einkommens ein ausreichender Lebensstandard erreicht wird (beispielsweise durch effiziente Haushaltsführung, Auflösung von Vermögen, Hilfe von Dritten), anderseits kann Deprivation auch bei ausreichendem Einkommen auftreten, wenn beispielsweise durch teure Hobbies Geld für die Dinge fehlt, die von der Gesellschaft als unverzichtbar angesehen werden. Die kombinierte Armutsmessung wird damit auch der EU-Definition von Armut am ehesten gerecht.


Somit gibt es auch zwei Ansatzpunkte, Armut zu erfassen. Zum einen lässt sich messen, ob Personen in Teilbereichen von einem als gesellschaftlich akzeptierten Mindest-Lebensstandard ausgeschlossen sind (sogenannte Deprivation). Hierzu könnte beispielsweise gefragt werden, ob der Haushalt aus finanziellen Gründen nicht jeden Tag eine warme Mahlzeit einnehmen kann. Anstatt direkt, lässt sich Armut auch indirekt über die zur Verfügung stehenden Mittel wie beispielsweise das Einkommen messen. Beide Methoden führen aber nicht zwangsläufig zu den gleichen Ergebnissen. Denn wie hoch der Lebensstandard tatsächlich ausfällt, hängt auch davon ab, wie die Ressourcen genutzt werden. Damit wird das Wohlstandsniveau auch von dem Verhalten und den Vorlieben des Einzelnen und seines Haushalts bestimmt. So kann es sein, dass durch ein teures Hobby kein Geld mehr für Dinge übrig bleibt, die von der Gesellschaft als elementar eingestuft werden und ein Haushalt deshalb trotz eigentlich ausreichender finanzieller Mittel als arm gilt. In diesem Fall würde also ein Armutsmaß, das nur Lebensstandardmerkmale einfließen lässt, verzerrte und überhöhte Ergebnisse liefern.

 

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Aber auch das laufende Einkommen allein gibt über den rein materiellen Wohlstand nur eingeschränkt Auskunft. So ist ein niedriges Einkommen möglicherweise nur vorübergehend, etwa weil gerade eine Ausbildung durchlaufen wird, nach der Geburt eines Kindes ein Elternteil eine freiwillige Erwerbspause einlegt, oder weil ein Haushaltsmitglied arbeitslos wird. Ist ein ausreichend großes Geldvermögen vorhanden, können solche Einnahmeausfälle aber abgefedert werden. Zudem können langlebige Gebrauchsgüter, wie beispielsweise ein teures Auto oder eine hochwertige Küche, weiterhin genutzt werden und bestimmen so den tatsächlichen Lebensstandard mit, auch wenn eine Zeitlang weniger Geld für Neuanschaffungen ausgegeben wird. Viele Ökonomen bevorzugen daher den Konsum zur Messung von Wohlstand und Armut, da er das permanente Einkommen (Lebenseinkommen) besser widerspiegelt.

 

Problematisch ist es nicht nur, das Einkommen als alleinigen Armutsindikator auszuwählen, auch der starre Schwellenwert von 60 Prozent des Medians ist fragwürdig. Denn entscheidend ist auch, wie hoch das Wohlstandsniveau eines Landes ist. In einem reichen Land lässt sich mit einem relativ betrachtet niedrigen Einkommen offenbar weit besser leben als in einem weniger wohlhabenden. In Portugal beispielsweise gilt jemand, der nur 6.000 Euro zur Verfügung hat, nicht mehr als arm, während man in Deutschland 10.000 Euro verdienen kann und trotzdem als einkommensarm angesehen wird. Daher ist es sinnvoll, Armut anhand von mehreren Kriterien zu vergleichen.

 

Bezogen auf den Anteil der relativ Einkommensarmen schneidet Deutschland im europäischen Vergleich mittelmäßig ab – bei einer Quote von 15 Prozent wird der EU-Durchschnitt um zwei Prozentpunkte unterboten. Vergleichsweise selten ist relative Einkommensarmut besonders in Tschechien und den Niederlanden, aber auch in den skandinavischen Ländern, in Österreich und einigen mittel- und osteuropäischen Ländern wie der Slowakei, Ungarn und Slowenien. Mit Quoten um die 20 Prozent und darüber ist das sogenannte Armutsrisiko dagegen in Südeuropa, im Baltikum und in den angelsächsischen Ländern (Irland, Vereinigtes Königreich) weit verbreitet.

 

Relative Einkommensarmut: Deutschland im Mittelfeld
So viel Prozent der Bevölkerung galten in diesen Ländern 2007 als einkommensarm
Tschechien 9
Niederlande 11
Slowakei 11
Norwegen 11
Dänemark 12
Ungarn 12
Österreich 12
Slowenien 12
Schweden 12
Frankreich 13
Luxemburg 13
Finnland 14
Belgien 15
Deutschland 15
Malta 15
Irland 16
Zypern 16
Europäische Union 17
Polen 17
Portugal 18
Estland 19
Italien 19
Vereinigtes Königreich 19
Griechenland 20
Spanien 20
Litauen 20
Bulgarien 21
Rumänien 23
Lettland 26

Relative Einkommensarmut: Bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen (Äquivalenzeinkommen, das im Folgejahr erhoben wird) von weniger als 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste)
Quelle: Eurostat

 

 

Relative Einkommensarmut: Deutschland mit hohem Schwellenwert
Wer im Jahr 2007 weniger als … Euro hatte, gilt als einkommensarm
Luxemburg 17.011
Norwegen 14.081
Vereinigtes Königreich 11.965
Zypern 11.683
Niederlande 11.661
Österreich 11.593
Irland 11.285
Deutschland 10.953
Dänemark 10.852
Schweden 10.695
Belgien 10.457
Frankreich 10.033
Finnland 9.927
Italien 9.310
Slowenien 8.653
Spanien 8.648
Malta 8.051
Griechenland 7.471
Tschechien 6.007
Portugal 5.945
Estland 4.795
Lettland 4.538
Litauen 4.325
Slowakei 4.164
Ungarn 4.115
Polen 4.035
Bulgarien 2.887
Rumänien 1.966

Relative Einkommensarmut: 60 Prozent des Medians (Wert in der Mitte der Einkommensrangliste) des bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens (Äquivalenzeinkommen, das im Folgejahr erhoben wird), umgerechnet in deutsche Preise für die Lebenshaltung
Ursprungsdaten: Eurostat

 

Von der Höhe des Einkommensniveaus eines Landes hängt offenbar auch ab, ob man sich selbst als einkommensarm empfindet. Um ein entsprechendes Stimmungsbild zu bekommen, werden EU-Bürger regelmäßig befragt, was das geringste monatliche Nettoeinkommen wäre, um finanziell zurechtzukommen. Dann wird gefragt, ob das eigene Einkommen diesem Betrag in etwa entspricht, darüber oder darunter liegt. Ist das eigene Einkommen niedriger als das aus eigener Sicht erforderliche Mindesteinkommen, wird diese Person als subjektiv einkommensarm angesehen.

 

Es zeigt sich, dass in Ländern mit niedrigen Einkommensniveaus besonders viele Personen angeben, weniger Geld zur Verfügung zu haben, als sie unbedingt bräuchten, um über die Runden zu kommen. So sind in Lettland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn zwischen 64 und 86 Prozent der Bevölkerung subjektiv einkommensarm. Im wohlhabenden Dänemark trifft dies nur auf 6 Prozent der Bevölkerung zu. Eine eher niedrige subjektive Armutsquote weist mit 21 Prozent auch Deutschland auf. Auch Irland und das Vereinigte Königreich zählen dank hohen Einkommensniveaus – trotz großer Einkommensungleichheit – zu den Ländern mit eher seltener subjektiver Armut.

 

Subjektive Armut: In Deutschland fühlen sich nur wenige arm
So viel Prozent der Bürger stuften sich im Jahr 2009 als einkommensarm ein
Dänemark 6
Österreich 10
Schweden 11
Niederlande 12
Finnland 12
Belgien 20
Deutschland 21
Irland 22
Vereinigtes Königreich 22
Luxemburg 24
Frankreich 30
Malta 32
Slowakei 35
EU 37
Spanien 37
Estland 38
Tschechien 40
Zypern 45
Slowenien 47
Litauen 48
Italien 53
Portugal 55
Polen 56
Griechenland 59
Lettland 64
Rumänien 68
Ungarn 82
Bulgarien 86

einkommensarm: Anteil der Bevölkerung, dessen Haushaltsnettoeinkommen unter dem nach eigenen Angaben notwendigen Mindesteinkommen liegt
Quelle: EU-Kommission

 

Ob jemand aus finanziellen Gründen auf Dinge verzichten muss, die von der Gesellschaft als wesentlich angesehen werden, lässt sich ebenfalls messen: Die OECD hat hier sieben Merkmale ausgewählt, über deren Notwendigkeit für ein würdevolles Leben in den meisten Ländern breiter Konsens herrscht. Hierzu gehört beispielsweise eine angemessene Beheizung der Wohnung, eine gesunde Ernährung, Geld für die Miete und die Nebenkosten.

 

Fehlen mindestens zwei der sieben Merkmale, wird von massiver Entbehrung gesprochen. Am wenigsten verzichten müssen die Menschen in den skandinavischen Ländern, wo lediglich zwischen knapp 8 und 9 Prozent der Bevölkerung von Deprivationsarmut betroffen sind. Deutschland nimmt zwar nur eine mittlere Position ein, dennoch liegt die Deprivationsquote mit 12,6 Prozent auf relativ niedrigem Niveau. In einigen mitteleuropäischen Ländern, aber auch in Griechenland und Portugal sind dagegen knapp 40 bis annähernd 60 Prozent der Personen depriviert. Erstaunlich häufig kommt – angesichts des recht hohen Wohlstandsniveaus – Deprivationsarmut in Italien mit einer Quote von 30 Prozent vor. In den USA, in Japan und Australien liegt die Deprivationsquote bei 22 Prozent. Das entspricht in etwa dem europäischen Durchschnittsniveau. Allerdings sind die Werte nur eingeschränkt vergleichbar, da Deprivation in Europa etwas anders gemessen wird als anderswo.

 

Deprivationsarmut: In Osteuropa häufig Lücken beim Lebensstandard
So viel Prozent der Bürger müssen in diesen Ländern auf mindestens zwei von sieben Lebensstandardmerkmalen verzichten
Dänemark 7,6
Schweden 8,1
Finnland 8,9
Norwegen 9,0
Luxemburg 9,1
Österreich 9,4
Niederlande 9,8
Vereinigtes Königreich 11,7
Irland 12,4
Deutschland 12,6
Belgien 15,2
Spanien 15,8
Frankreich 16,4
Italien 29,7
Tschechien 33,3
Portugal 38,4
Griechenland 44,4
Ungarn 45,6
Slowakei 48,3
Polen 59,1
   
Australien 21,3
USA 21,6
Japan 22,8

Stand: 2005; Daten zwischen europäischen und übrigen Ländern nur bedingt vergleichbar
Quelle: OECD

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