Hans-Peter Fröhlich im Kölner Stadt-Anzeiger

Bruttoinlands-Glück

Kritiker nehmen die Berechnung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens aufs Korn – aber Alternativen sind schwer zu finden.

 

Kleeblatt Quelle: suze/PhotocaseEltern pflegen ihren Kindern beizubringen: "Geld macht nicht glücklich" – jedenfalls nicht Geld allein. Das trifft auch gesamtwirtschaftlich zu. Die Höhe des Bruttoinlandsprodukts eines Landes – also die Höhe des gesamtwirtschaftlichen Einkommens – beeinflusst offenbar nur wenig das Wohlbefinden oder gar das Glück seiner Bevölkerung. Sowohl internationale Vergleiche als auch Beobachtungen im Zeitablauf zeigen: Mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen fühlen sich die Menschen nicht unbedingt glücklicher.

 

Sozialwissenschaftler nehmen sich des Themas in letzter Zeit verstärkt an. Ein neuer Zweig der Ökonomie ist entstanden, die Glücksforschung. Ihre Vertreter verweisen darauf, dass das Bruttoinlandsprodukt wenig aussagt über Sachverhalte, die neben dem Einkommen für das Wohlbefinden der Menschen wichtig sind, z. B. der Gesundheitszustand oder die Umweltqualität. Um zu einem umfassenden Wohlstandsmaß zu kommen, müsste das Bruttoinlandsprodukt demnach ergänzt werden. Im Auftrag des französischen Staatspräsidenten Nikolas Sarkozy hat eine internationale Expertengruppe unter Vorsitz von zwei Wirtschaftsnobelpreisträgern dazu eine Studie vorgelegt. Das Problem dabei: Wie sollen etwa die von den Experten vorgeschlagenen Indikatoren "politische Mitsprache" und "Unsicherheit" vernünftig gemessen und dann untereinander vergleichbar gemacht werden? Wie sollen die genannten "Ungerechtigkeiten" (nach sozialen Gruppen, Geschlecht, Alter) umfassend berücksichtigt werden? Hier öffnet sich der Willkür ein weites Tor.

 

Eine andere Kritik am Bruttoinlandsprodukt geht noch weiter. Da ein Anstieg des gesamtwirtschaftlichen Pro-Kopf-Einkommens offenbar keinen großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen hat, stellt mancher eine Steigerung des Sozialprodukts und damit wirtschaftliches Wachstum als politisches Ziel infrage. Nach dem Motto: Wenn mehr Einkommen uns nicht glücklicher macht, wird weniger Einkommen uns auch nicht unglücklicher machen. Diese Wachstumskritik ist naiv. Wie weiland Diogenes in seiner Tonne mögen einige wenige ihr Glück in der bewussten Abkehr von materiellen Gütern suchen. Den gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft ist so jedoch nicht zu begegnen.

 

Die Kritiker des Bruttoinlandsprodukts schütten das Kind mit dem Bade aus. Es ist zwar kein allumfassender Wohlstandsindikator. Aber es ist und bleibt das Maß aller Dinge zur Ermittlung des Einkommensniveaus eines Landes. Es lässt sich statistisch präzise erfassen, werturteilsfrei berechnen und international gut vergleichen. 

 

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Kolumnen - vom 8. September 2010
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