Helmut E. Klein in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

"Verklärung der DDR"

Helmut Klein über Wirtschaftsthemen in deutschen Schulbüchern

 

Herr Klein; Sie haben kürzlich untersucht, ob und wie Schulbücher Wirtschaft vermitteln.

 

Wir wollten erfahren, wie in den Lehrbüchern wirtschaftliche Zusammenhänge behandelt werden und ob Grundbegriffe wie Angebot, Nachfrage oder Marktwirtschaft aufgeführt und erläutert sind. Dafür haben wir 43 Schulbücher, die in Nordrhein-Westfalen in den Sekundarstufen I und II verwendet werden, genauer angesehen.

 

Ein ziemlich großes Angebot für das Fach Wirtschaft.

 

Damit beginnt ja schon das Problem. In NRW wird Wirtschaft in den Fächern Geschichte, Erdkunde, Sozialwissenschaften und Politik mit vermittelt. Ein eigenes Fach Wirtschaft gibt es nicht, und deshalb haben wir alle Lehrbücher für diese vier Fächer analysiert.

 

Wie lautet Ihr Befund?

 

Quantitativ kam der Begriff Wirtschaft in rund einem Drittel des Inhalts vor. Dann aber stellten wir fest, dass Unternehmen nur fünf und die Soziale Marktwirtschaft sogar nur zwei Prozent ausmachten. In einem Erdkunde-Buch tauchte das Wort Marktwirtschaft nur in einem einzigen Satz auf: "Der Osten war politisch isoliert. Die Gesetze der Marktwirtschaft galten dort nicht." In einem Geschichtsbuch wurde sie in drei Sätzen abgehandelt. Grundlegende Wirtschaftsthemen werden in den meisten Lehrbüchern marginalisiert und Zusammenhänge gar nicht erst erklärt.

 

Welche Folgen bat das?

 

Die Schüler verlassen die Schule nur mit bruchstückhaftem Wissen über unser Wirtschaftssystem. Sie können mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft nichts anfangen, Zusammenhänge nicht erkennen und damit politische Entscheidungen nicht beurteilen. Zudem werden in vielen Büchern regelrecht Ressentiments gegen Unternehmer geschürt, der Strukturwandel als Bedrohung dargestellt und der Staat als einziger Heilsbringer verklärt.

 

Das müssen Sie erklären.

 

Der Begriff Verteilungsgerechtigkeit etwa taucht in 70 Prozent der Bücher auf, das Leistungsprinzip dagegen nur in 13 Prozent. Vier von fünf Büchern kommentieren den Strukturwandel ausschließlich als Bedrohung für Arbeitsplätze. Der Mittelstand kommt überhaupt nicht vor, stattdessen werden Unternehmen oft mit Großkonzernen gleichgesetzt, die nur Gewinn machen wollen, die Umwelt verschmutzen und vor allem Leute entlassen. Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze seien dagegen dem starken Staat zu verdanken, der eingreift und heilt.

 

Und es gibt keine Bücher, die einen realistischen Blick wagen?

 

Nein, die Schulbücher werden vom Ministerium genehmigt, und dort wird nur geguckt, ob sie dem Lehrplan entsprechen.

 

Demnach kommt Wirtschaft auch in den Lebrplänen kaum vor?

 

Ich habe mir die NRW-Lehrpläne angeschaut und muss sagen: Dort ist es noch schlimmer. Die Marktwirtschaft ist dort eine ungeliebte Wirtschaftsform. Die Jugendlichen werden fast ausschließlich als Arbeitnehmer, Konsumenten und Bezieher staatlicher Transfers angesprochen. Die Möglichkeit, sich selbständig zu machen oder Unternehmer zu werden, kommt überhaupt nicht vor. Geradezu grotesk ist, dass anhand dieser Lehrpläne Bücher zugelassen wurden, die den Sozialismus mit Bück auf die UdSSR und die DDR verklären.

 

Was empfehlen Sie?

 

Wir brauchen ein Curriculum Ökonomische Bildung, um erst mal zu klären, was überhaupt Wirtschaftsbildung meint. Damit einhergehen muss ein Perspektivwechsel, der wirtschaftliches Handeln aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Die Jugend sollte erkennen, dass sie selbst Verantwortung für die Wirtschaft auch als Akteur übernehmen kann.

 

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