Norbert Lammert
Von ethischem Verhalten und ökonomischem Kalkül
„Wir haben dringenden Anlass, darüber nachzudenken, ob das Maß an moralischen Standards und Verhaltensmustern, ohne das Verfassungsinstitutionen ebenso wie Wirtschaftsunternehmen zwar nicht notwendigerweise ihre Funktionsfähigkeit, ganz sicher aber ihre Glaubwürdigkeit riskieren, in unserer Gesellschaft hinreichend gesichert ist“, sagte der Präsident des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert, anlässlich der Verleihung des Max-Weber-Preises durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln am 18. Mai 2010 in Berlin. Allerdings warnte Lammert davor, bei der Ausgestaltung eines solchen Systems allein auf gesetzliche Regelungen oder allein auf die freiwillige Akzeptanz der Gesellschaftsmitglieder zu bauen.
Vor inzwischen mehr als einhundert Jahren hat Max Weber mit der ihm eigenen maßstabsetzenden Prägnanz die inneren Zusammenhänge zwischen protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus entdeckt und öffentlich dargestellt. Seitdem hat sich – freundlich formuliert – der Geist des Kapitalismus noch dynamischer entwickelt als die protestantische Ethik. Vom Glanz und Elend der Eigendynamik kapitalgesteuerter Wirtschaftsprozesse haben uns nicht nur das 20. Jahrhundert, sondern auch der Auftakt des 21. Jahrhunderts manche anschaulichen Beispiele geliefert. Zu einer nüchternen Betrachtung gehört, dass es neben erstaunlichen Aufstiegen auch bemerkenswerte Abstürze gegeben hat, und dass Weltwirtschaftskrisen, tatsächliche und Beinahe-Zusammenbrüche von Finanz- und Gütermärkten nicht nur Statistiken ruiniert haben, sondern auch Biografien. Alleine deswegen lohnt es, eine Frage wiederzuentdecken, die in der Tat keineswegs neu ist, aber offensichtlich nicht überholt. Das wird allein mit der Vergabe von Preisen sicher auch nicht gelingen, aber die regelmäßige Ausschreibung und Vergabe von Preisen, die sich genau diesem Zusammenhang widmen, sind sicher ein wichtiger Beitrag dazu, eine Fragestellung ins öffentliche Bewusstsein zu heben und dort zu halten, für die wir heute mindestens so viel Bedarf haben wie für strategische ökonomische Erwägungen und Überlegungen: Gesinnung ist in der Tat keine ökonomische Kategorie, aber allein der Begriff „Wirtschaftsethik“ macht nur Sinn, wenn sich damit die Bereitschaft verbindet, ethisches Verhalten für eine nicht weniger relevante Kategorie zu halten als ökonomisches Kalkül – was zugegebenermaßen die Frage, wie man das eine mit dem anderen überzeugend verbinden kann, noch nicht beantwortet.
Ob es so etwas wie Wirtschaftsethik überhaupt gibt, nicht nur geben soll, sondern auch geben kann, darüber haben sich schon manche klugen Leute bemerkenswerte Gedanken gemacht. Niklas Luhmann, beispielsweise, hat ausdrücklich seine Zweifel daran angemeldet, ob es so etwas wirklich geben könnte: „(...) meine Vermutung ist, dass sie zu der Sorte von Erscheinungen gehört wie auch die Staatsräson oder die englische Küche, die in der Form eines Geheimnisses auftreten, weil sie geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren.“ Nun könnte man unter dem Eindruck aktueller Entwicklungen hinzufügen, dass der Glaube an die Existenz der englischen Küche inzwischen weiter verbreitet ist als die Gewissheit vom Wirken der Staatsräson und schon gar der Verfügbarkeit von Wirtschaftsethik, was allerdings die Relevanz dieser Bemühungen nur unterstreicht.
Ich habe vor einigen Wochen ein Positionspapier des Präsidiums des Bundesverbands der Deutschen Arbeitgeberverbände in die Hand bekommen mit dem Titel „Wirtschaft mit Werten – Für alle ein Gewinn“. In diesem Positionspapier findet sich der beachtliche Hinweis, Ethik und Ökonomie seien keine erst mühsam zu überbrückenden Gegensätze, verbunden mit dem noch bemerkenswerteren Hinweis: „Gutes Wirtschaften setzt sich zusammen aus ethisch und ökonomisch richtigem Handeln.“
Vermutlich hat noch niemand jemanden getroffen, der diesem hoffnungslos richtigen Satz widersprechen wollte. Nur ist damit immer noch nicht die Frage beantwortet, was denn eigentlich ethisch und ökonomisch richtiges Handeln ist. Mit anderen Worten: Es fällt uns allen entschieden leichter, das hier beschriebene Spannungsverhältnis auf der Ebene von Abstraktionen schlüssig zu beantworten als in der Realität konkreter, täglicher Aufgabenstellungen und Entscheidungssituationen.
Wir machen ganz sicher nicht erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts die wiederholte Erfahrung, dass auch in stabilen demokratischen und funktionierenden marktwirtschaftlichen Systemen Fehlentwicklungen und Fehlleistungen möglich sind und dass sie sogar in den höchsten Rängen von Politik und Wirtschaft tatsächlich stattfinden. Daran ist nichts zu beschönigen. Es lässt sich aber immerhin ergänzen, dass es unter den bisher bekannten politischen wie ökonomischen Systemen keine ausgewiesenen Alternativen gibt, die schneller und wirkungsvoller als Demokratie und Marktwirtschaft Fehlentwicklungen und Fehlleistungen offenbaren und Veränderungen erzwingen.
Helmut Schmidt hat immer wieder darauf hingewiesen, der Markt selber könne weder soziale Sicherheit schaffen noch steuerliche Gerechtigkeit gewährleisten – und erzeuge auch weder kollektiven noch individuellen Anstand. Immerhin: Die Fähigkeit der beiden Systeme Demokratie und Markt, Transparenz zu erzwingen, Irrtümer zu korrigieren und falsche Entwicklungen abzustellen, ist im Angesicht konkreter Fehlentwicklungen natürlich kein hinreichender Trost, aber gleichwohl ein keineswegs bedeutungsloses Merkmal für die Leistungsfähigkeit von Ordnungssystemen.
Der Umgang mit moralischen Ansprüchen im Verhältnis zu kodifizierten politischen und ökonomischen Systemen ist in diesem Zusammenhang eine besonders delikate Herausforderung. Ich persönlich bin – wie der bedeutende Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning – der Überzeugung, dass man diejenigen politischen und ökonomischen Systeme allen anderen Varianten vorziehen sollte, die mit den geringsten Ansprüchen an die individuelle Moral auskommen. Diese auf den ersten Blick verblüffende Auskunft, die man schon gar bei einem Theologen für einen Anflug von Zynismus halten könnte, ist bei genauerem Hinsehen sehr gut durchdacht. Ein System, ob in der Wirtschaft oder in der Politik, das nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten hohe moralische Ansprüche an ihr eigenes Verhalten und natürlich vor allem an das Verhalten anderer stellt, funktioniert in der Regel überhaupt nicht. Denn es belohnt diejenigen, die sich dem erwarteten Moralkodex nicht beugen und nur den eigenen Vorteil verfolgen, was – wie wir wissen – nicht nur eine theoretische Spekulation ist. Dies ist ganz offenkundig kein erfundenes, sondern ein reales Problem und auch deshalb will ich meine Skepsis gegenüber gesetzlichen Regelungen moralischer Ansprüche ausdrücklich zu Protokoll geben. Eine Gesellschaft, die moralische Ansprüche kodifizieren muss und die in gesetzliche Verpflichtungen umsetzen muss, was sie an sozialem Verhalten von ihren Mitgliedern erwartet, hat schon verloren. Diese Schlacht kann auf dem Feld der Gesetzgebung sicher nicht gewonnen werden. Allerdings: So wenig, wie Gesetze moralische Standards und ethische Verhaltensmuster substituieren können, so wenig kann umgekehrt das Regelsystem einer Gesellschaft alleine auf die freiwillige Akzeptanz der Gesellschaftsmitglieder begründet sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir insbesondere nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit dringenden Anlass haben, darüber nachzudenken, ob das Maß an moralischen Standards und Verhaltensmustern, ohne das Verfassungsinstitutionen wie Wirtschaftsunternehmen zwar nicht notwendigerweise ihre Funktionsfähigkeit, ganz sicher aber ihre Glaubwürdigkeit riskieren, in unserer Gesellschaft hinreichend gesichert ist.
Ich möchte dazu ein paar wenige Bemerkungen machen, beginnend mit dem Thema Gleichheit und Ungleichheit in unserer Gesellschaft: Offenkundig handelt es sich hier um zwei sich heftig im Wege stehende Orientierungen, ganz besonders in modernen Gesellschaften, die sich normativ durch den für unantastbar erklärten Gleichheitsgrundsatz und statistisch durch ein wachsendes Maß an Ungleichheit auszeichnen. Wie gehen moderne Gesellschaften mit diesem Spannungsverhältnis um? Ich persönlich glaube nicht, dass es ein generelles Bedürfnis der Menschen nach Gleichheit der tatsächlichen Lebensverhältnisse gibt. Oder, anders formuliert: Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Menschen mit den gerade erwähnten statistischen Ungleichheiten im Prinzip relativ gut zurande kommen. Und als leichtfertige Verschärfung will ich hinzufügen, dass die Menschheit völlig anders und vermutlich nicht besser aussähe, wenn es nicht die Erfahrung der Ungleichheit mit ihren stimulierenden Wirkungen einschließlich der Frustrationserfahrungen gäbe. Ungleichheit wird aber immer dann ein Problem – schon gar im Kontext einer demokratisch verfassten, marktwirtschaftlich geregelten Ordnung –, wenn es keinen plausiblen, erkennbaren Zusammenhang zwischen individueller Leistung und individuellem Einkommen und Vermögen gibt, wenn der Eindruck entsteht, dass selbst bei verweigerter Leistung oder bei nachgewiesenen Fehlleistungen die Bezahlungen oder Abfindungen besonders üppig ausfallen.
Die zunehmend aus dem Lot geratenen Einkommensproportionen in unserer Gesellschaft sind ein objektiv großes Problem, das nach meiner festen Überzeugung das Selbstverständnis dieser Gesellschaft in zunehmendem Maße strapaziert. Das Verhältnis der Vorstandsgehälter zu den Einkommen der übrigen Beschäftigten desselben Unternehmens hat sich bei uns in den vergangenen Jahren in erstaunlicher Weise verselbstständigt. In Deutschland ist das Verhältnis des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zwischen Vorstand und Mitarbeitern der DAX-30-Unternehmen in den vergangenen zwanzig Jahren vom 14-Fachen auf das jetzt knapp 50-Fache gestiegen. Dabei verteilt sich dieser Anstieg keineswegs kontinuierlich über die genannte Zeit, sondern ist vor allem seit Mitte der 1990er Jahre deutlich festzustellen.
Nach einer im März dieses Jahres veröffentlichten Studie sind die Gehälter der Vorstandsmitglieder selbst gegenüber der zweithöchsten Hierarchieebene desselben Unternehmens durchschnittlich um das 20-Fache höher. Das sind – ich rede hier für niemanden außer für mich – absurde Einkommensrelationen, die im globalen Maßstab übrigens zum Teil noch frappierender sind. Der Vorstandsvorsitzende einer großen amerikanischen Kaufhauskette hat vor einigen Jahren nachweislich der eigenen Unternehmensbilanz das rund 900-Fache des Durchschnittseinkommens der Beschäftigten seines Unternehmens „verdient“ – bekommen, wollte ich sagen.
Selbst als überzeugter Anhänger des Prinzips der Ungleichheit kann ich dafür keine überzeugende Begründung finden. Die Leistungsdifferenzen in unserer Gesellschaft sind bei weitem nicht so groß wie die Einkommens- und Vermögensdifferenzen. Wenn aber das Leistungsprinzip auf diese Weise zunehmend und scheinbar systematisch konterkariert wird, wenn zwischen Leistung und Entlohnung entweder kein Zusammenhang mehr besteht oder er jedenfalls immer weniger erkennbar, immer weniger nachvollziehbar wird, dann steht die Legitimation dieser Ordnung zur Debatte.
Auch mit den Boni von Investmentbankern, die mit vernünftigen Leistungsprämien, die aus gutem Grunde in vielen Unternehmen längst gang und gäbe sind, nur noch eine sehr entfernte Ähnlichkeit haben, habe ich meine Probleme. In der Regel verdienen Investmentbanker ein ordentliches Gehalt, das deutlich über dem durchschnittlichen Einkommen vergleichbarer Tätigkeiten liegt. Mit dem Einsatz von Gel-dern, die ihnen nicht gehören, erzielen sie im Erfolgsfall fürstliche Honorare und werden bei gescheiterten Geschäften von Bürgschaften und Einlagen der Steuerzahler unterstützt, die selber weder von den Einkommen noch von den Prämien auch nur träumen können, die selbst im Misserfolgsfall von der Gesellschaft im Ganzen abgedeckt werden müssen, um nach dem staatlich verhinderten Kollaps – unbelehrt und scheinbar unberührt – ihre finanziellen Wetten wieder aufzunehmen, die sie sich wieder mit neuen Boni vergüten lassen.