Soziale Norm vs. Marktnorm

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“

Heiligabend – für immer mehr Menschen vor allem die Nacht der Geschenke. Der Werbeslogan einer Elektronikmarktkette bringt dies auf den Punkt: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Doch der Wunsch aus Liebe zum Geben einerseits und das Bedürfnis, den Beschenkten dabei nicht über den materiellen Wert des Geschenks im Unklaren zu lassen, andererseits kann zu Problemen führen. Vielleicht sind Gutscheine und Bücher auch deshalb die beliebtesten Geschenke zu Weihnachten? Denn da steht der Preis direkt drauf.

 

Sehr wichtig sind folgende Kriterien bei GeschenkenSchenken, um anderen eine Freude zu machen – dies ist das Motiv, Familie oder Freunden etwas zu kaufen. Wir handeln dann als „soziale Wesen“, der Prozess des „Gebens und Nehmens“ ist als ein aus der Natur des Menschen resultierendes Mittel zu sehen, um dem Bedürfnis nach Gemeinschaft nachzukommen. Und für die Erfüllung dieser Sehnsucht sind wir bereit zu zahlen. Doch mit dem Wunsch des Menschen nach Anerkennung geht auch die Versuchung einher, einer beschenkten Person den Preis eines Gegenstandes mitzuteilen, insbesondere dann, wenn es sich dabei um einen sehr hohen Wert handelt, der nicht so einfach zu erkennen ist. Der Preis eines Geschenks scheint bei der Kaufentscheidung keine vorrangige Rolle zu spielen. Nur ein Viertel der 2.000 Befragten nannte den Wert des Geschenks in einer repräsentativen Umfrage von 2010 als ein sehr wichtiges Kriterium bei der Auswahl von Geschenken (vgl. Grafik). Der Wert eines Geschenks ist im Grunde nicht entscheidend, sondern lediglich die Geste – und Qualität (84 Prozent) und Funktionalität (72 Prozent) des Geschenks. Aber manchmal wird der Wert eines Geschenks so bedeutsam, dass der Schenkende dessen Preis verrät oder das Preisetikett „aus Versehen“ am Geschenk lässt. Dadurch vermischt sich der Prozess des Nehmens und Gebens aus dem Bereich der sozialen Normen mit dem der Marktnorm. Es spielt nicht länger der Gefallen an sich oder das Glücksgefühl beim Beschenkten eine Rolle, sondern vielmehr, ob der Geldbetrag, der in das Geschenk investiert wurde, angemessen gewürdigt wird. Allerdings birgt das Nennen des Preises die Gefahr, dass der Wert vom Beschenkten als zu gering angesehen wird. Dies würde als mangelnde Wertschätzung empfunden. Außerdem führt die Beimischung von Marktnormen dazu, dass die zwischenmenschliche Beziehung der Betroffenen geschädigt werden kann.

 

Die Trennung zwischen Markt und Sozialbereich ist ein Grund, warum ältere Menschen im Bus Jüngere nicht dafür bezahlen, dass sie ihnen ihren Sitzplatz zur Verfügung stellen, oder warum der Schwiegersohn nach dem Verzehr des Weihnachtsbratens bei den zukünftigen Schwiegereltern keine Geldscheine auf den Tisch legen sollte, um sich für das leckere Essen zu bedanken. Sie wären dann recht schnell Ex-Schwiegereltern. Eine Flasche Wein mit gleichem Wert würde hingegen akzeptiert. Die Erwähnung des Geldwertes eines Geschenks macht dann deutlich, dass die zwischenmenschliche Beziehung im Sinne einer Kosten-Nutzen-Überlegung bewertet wird, bei der man ausschließlich das bekommt, wofür man auch bezahlt. Das „soziale Wesen“ tritt in den Hintergrund und der Homo oeconomicus betritt die Bühne. Also doch Gutscheine und Bücher schenken, die seit Jahren zu Weihnachten auf der Beliebtheitsskala ganz oben stehen – bei Beschenktem und Schenkendem. Allerdings lassen sich in Zeiten von Smartphone und Internet die Preise von Geschenken so schnell finden, dass deren Erwähnung überflüssig geworden ist.

 

Übrigens – Weihnachten wird eigentlich in der Krippe und nicht durch die Geschenke unterm Baum entschieden. In diesem Sinne wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest.

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