Internetkriminalität

Verlockendes virtuelles Geld

Im Jahr 2009 erledigten bereits 24 Millionen Deutsche ihre Bankgeschäfte im Internet - eine Steigerung von 2 Millionen innerhalb von zwei Jahren. Doch auch die Kriminalitätsraten im Internet erreichen immer neue Höhen. Welche Ursachen hat die Internetkriminalität und welche Gegenmaßnahmen gibt es?

 

Mit 250 Milliarden Transaktionen weltweit (Stand Ende 2007, Tendenz steigend) ist das bargeldlose Zahlen aus dem heutigen Privat- und Geschäftsleben nicht mehr wegzudenken. Dennoch belegen Untersuchungen der letzten Jahre, dass die zahlreichen Vorteile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs mit ernstzunehmenden Gefahren einhergehen.

 

Bereits 2008 lagen dem BKA Berichte von insgesamt 37.900 Betrugsfällen in der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) vor, eine Steigerung um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (BKA). Die IuK-Kriminalität umfasst Methoden wie „Phishing“, „Pharming“ und Computerviren, die im vergangenen Jahr immer wieder für Schlagzeilen sorgten. Eine Ursache liegt darin, dass „nur“ virtuelles Geld und nicht unmittelbar Bargeld gestohlen wird. Dan Ariely, Professor für Verhaltensökonomik, zeigt in seinem Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“, dass Menschen eher dazu neigen, andere Individuen zu bestehlen, wenn sie nicht Bargeld entwenden, sondern „nur“ Gegenstände. Die Ergebnisse seines Experiments, dass Cola-Dosen in einem Gemeinschaftskühlschrank viel schneller entwendet werden als der gleichwertige Geldbetrag, können auf das wirkliche Leben übertragen werden.

 

Sei es der Büroangestellte, der die Druckerpatrone oder das Kopierpapier entwendet, oder der Hacker, der in den Paypal-Account eines Fremden eindringt: Da er nicht das Portemonnaie, also keinen konkreten Geldbetrag, sondern nur virtuelles Geld entwendet, sinkt die moralische Hemmschwelle. Der Täter meidet zudem den direkten Kontakt zu seinem Opfer, muss ihm nicht persönlich gegenübertreten und sieht dessen Reaktion nicht. Dies sind weitere Faktoren, die seine moralischen Hemmungen reduzieren. Ein anonymer Dritter wird leichter und mit weniger Skrupel geschädigt als eine identifizierbare Person.

 

Es fällt verhältnismäßig leicht, sich einzureden, dass der Diebstahl von Kleinigkeiten im Büro moralisch unbedenklich ist, weil das Unternehmen bei dem hohen Gewinn dies ja sowieso nicht spürt oder dies als kleine Gehaltserhöhung angesehen wird, die an sich längst überfällig gewesen wäre. Die Folgen sind allerdings drastisch: selbst bei geringen Verfehlungen droht die fristlose Kündigung.

 

Auch der Hacker mag sich mit der Schadensersatzpflicht der Banken beruhigen, wenn er sich Zugang zum Online-Account eines Kunden verschafft. In der Psychologie wird dies als „Identifiable Victim Bias“ beschrieben, das heißt, dass die Hemmschwellen deutlich höher sind, wenn identifizierbare Personen geschädigt werden.

 

SicherheitsbedenkenDie Nutzer sind sich diesen Gefahren des Internets vielfach bewusst. Die erhöhte Kriminalitätsrate bleibt für das bargeldlose Zahlen deshalb nicht ohne Folgen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts ARIS im Auftrag des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) unterlassen 17 Prozent der deutschen Internetnutzer sämtliche Transaktionen im World Wide Web komplett. Jeder Dritte verzichtet auf Online-Banking (Stand 2009) (siehe Abbildung). Eine dauerhafte Lösung ist diese „Abstinenz“ jedoch nicht. Der Umfang bargeldloser Transaktionen nimmt weiterhin zu, während sich die Bargeldnutzung weltweit im Rückzug befindet. Neben strengen Kontrollen, guter Prävention durch Sensibilisierung der User und dem Einsatz von entsprechenden Antivirenprogrammen sowie harter Strafen kann der Hinweis auf dahinter stehende reale Personen hilfreich sein.

 

Virtuelles Geld erschwert auch in anderen Lebensbereichen den sorgsamen Umgang mit den finanziellen Ressourcen. Große Summen in Millionen- oder gar Milliardenhöhe überfordern auch die Experten der Banken und Regierungen. Wenn auf Knopfdruck mehrere Milliarden gehandelt werden, verliert auch der Investmentbanker schon mal den Realitätsbezug und übersieht, dass er mit den realen Renten von vielen Sparern jongliert und spekuliert. Wir sind offensichtlich bisher einfach noch nicht in der Lage, diese Größenordnungen zu begreifen. 100 Jahre nennenswertes dynamisches wirtschaftliches Wachstum sind aus evolutionärer Perspektive betrachtet eben viel zu kurz, um sich damit vertraut zu machen.

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Wirtschaft und Ethik - Nr. 2 vom 21. Juli 2010
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