Unternehmenskultur

Interkulturelle Kompetenz als Erfolgsfaktor

Im Jahr 2009 beschäftigte einer der größten deutschen Konzerne der Pharma- und Chemieindustrie 55.500 Angestellte in ganz Europa. Weitere 53.100 Menschen befinden sich rund um den Globus in einem Arbeitsverhältnis mit diesem Unternehmen. Der renommierte Soziologe und Experte auf dem Gebiet der interkulturellen Forschung, Geert Hofstede, warnt vor möglichen Folgen, die durch eine Ignoranz gegenüber kulturellen Unterschieden in einem solchen internationalen Unternehmen entstehen könnten. Kultur ist aus seiner Sicht häufiger eine Quelle für Konflikte als für Synergien. Kulturelle Unterschiede sind bestenfalls ein kleiner Störfaktor, häufig jedoch der Grund für ein Desaster.

 

Besonders schmerzhaft haben Daimler und Chrysler erfahren müssen, dass kulturelle Unterschiede sich nicht so einfach überwinden lassen. Seien es divergierende kulturelle Vorstellungen auf nationaler Ebene – also zwischen Deutschland und den USA – oder unterschiedliche Unternehmensphilosophien und -kulturen: Letztlich platzte die Fusion vor allem aufgrund kultureller Unterschiede.

 

Durch das Zusammenwachsen der Welt im Zuge der Globalisierung kommt es sowohl in Unternehmen als auch bei externen Geschäftsbeziehungen vermehrt dazu, dass Personen verschiedener Kulturen aufeinander treffen, was die Akteure nicht selten vor große Probleme stellt.

 

Eine nähere Auseinandersetzung mit den anderen Kulturen, deren spezifischen Eigenschaften und identitätsstiftenden Aspekten scheint unumgänglich: Nur mit einem tiefer gehenden Verständnis für die fremde Sicht der Dinge öffnet sich uns der Weg für die vorurteilsfreie, vertrauensvolle Interaktion mit ausländischen Kollegen und Geschäftspartnern.

 

Die interkulturelle Forschung hat sich in den letzten Jahrzehnten mit der systematischen Analyse kultureller Unterschiede beschäftigt. Der Soziologe Hofstede untersuchte ab 1991 mit verschiedenen Methoden die Unterschiede zwischen Kulturen. Auf Basis einer umfangreichen Stichprobe, die er zusammen mit IBM erheben konnte, hat er bei seinen Analysen fünf Dimensionen ermittelt, auf denen sich die untersuchten rund 90 Nationen unterscheiden.

 

(1) Individualismus versus Kollektivismus,

(2) Feminine versus maskuline Werte,

(3) Hohe versus geringe Unsicherheitsvermeidung,

(4) Große versus geringe Machtdistanz,

(5) Langversus kurzfristige Orientierung.

 

Unterschiedliche Ansichten und Prioritäten in verschiedenen Kulturen führen oft zu Un- oder Missverständnissen zwischen Individuen, welche schnell im bewussten Misstrauen enden. So passiert es leicht, dass sich die skandinavischen Kollegen mit einer „femininen“ Wertekultur über das „Machogehabe“ und den vermeintlichen Egoismus der deutschen Kollegen wundern, während der deutsche Kollege über die „unvernünftige“ Waghalsigkeit der britischen Kollegen nur ratlos den Kopf schüttelt.

 

In einer Studie der IW Consult nannten 80 Prozent aller Unternehmen interkulturelle Kompetenz als wichtigen oder sehr wichtigen Faktor für den Erfolg von Auslandsaktivitäten.

 

BedeutungVon besonderer Wichtigkeit sind ihnen dabei Kernkompetenzen in der Geschäftskultur des jeweiligen Landes. Auch vermeintlich weichere Faktoren wie Kommunikation und Kenntnisse der Alltagskultur werden jedoch als bedeutend eingestuft. Außerdem werden eine Gewandtheit in der nonverbalen Kommunikation sowie Kenntnisse des politischen Systems und der Geschichte des Landes hoch geschätzt (vgl. Abbildung).

 

Fehlen diese als wichtig erachteten interkulturellen Kompetenzen bei Auslandaktivitäten, so stufen 70 Prozent aller befragten Unternehmen das Erfolgsrisiko als sehr hoch ein und befürchten ein Scheitern der Auslandsaktivität. Wird die Bedeutung dieser „weichen“ Faktoren unterschätzt, kann es zu harten finanziellen Einbußen kommen.

Mehr zum Thema

1 2 3 4 5 ...
 
Interviews
23. Mai 2010
Michael Hüther auf n-tv.de: Moral in der Marktwirtschaft – Kann das funktionieren?
Sind Moral und Wirtschaft miteinander vereinbar? Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise brennt vielen Menschen diese Frage unter den Nägeln. n-tv.de fragt IW-Chef Michael Hüther, der positiv nach vorn blickt und daran glaubt, dass Menschen gemeinsam durchaus eine moralische Steuerungskraft haben.
mehr
Pressemitteilungen
Nr. 48 vom 27. Dezember 2011
IW-Verbandsumfrage 2012: Die Zuversicht überwiegt
„Das Abflauen der Weltkonjunktur und die Ungewissheit bezüglich der Folgen der Schuldenkrise gehen auch an der deutschen Wirtschaft nicht spurlos vorüber. Dennoch präsentieren sich viele Branchen in guter Verfassung und erwarten ein positives Jahr 2012.“ So fasst Prof. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die Ergebnisse der diesjährigen IW-Verbandsumfrage zusammen.
mehr
Pressemitteilungen
Nr. 46 vom 21. Dezember 2011
Wirtschaftspolitik: Der Nutzen der Trägheit
Menschen verhalten sich oft träge und maximieren ihren eigenen Nutzen nicht immer. Diese Erkenntnis nutzen Unternehmen schon lange: Werks- oder Standardeinstellungen sind ein alltägliches Phänomen – Handys haben einen standardisierten Klingelton, Internetbrowser eine voreingestellte Startseite. Auch die Wirtschaftspolitik sollte sich an diesem realistischeren Menschenbild orientieren. Das könnte besser zum Ziel führen und gleichzeitig auch noch Kosten sparen.
mehr
iwd
Nr. 51/52 vom 22. Dezember 2011
Wirtschaftspolitik: Trägheit lässt sich nutzen
Von wegen Homo oeconomicus – statt kühl zu kalkulieren, was den eigenen Nutzen mehrt, handelt der Mensch oft ziemlich irrational. So manches gut gemeinte Vorhaben der Politik kommt dadurch nicht richtig zum Tragen.
mehr
Wirtschaft und Ethik
Nr. 4 vom 21. Dezember 2011
Soziale Norm vs. Marktnorm: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“
Heiligabend - für immer mehr Menschen vor allem die Nacht der Geschenke. Der Werbeslogan einer Elektronikmarktkette bringt dies auf den Punkt: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“
mehr
1 2 3 4 5 ...
Ansprechpartner
Prof. (Vertr.) Dr. Dominik H. Enste
Telefon:
0
221 4981-730
zum Profil
Wirtschaft und Ethik - Nr. 2 vom 21. Juli 2010
[ImagePath_HyperLink1]

Vierteljährliche Kurzberichte über Studien und Gutachten, Fakten und Trends zum Thema Wirtschaft und Ethik.

Weitere Artikel dieser Ausgabe

Natürliche Ressourcen

Der Fluch des schwarzen Goldes

Wie Unternehmen sich engagieren können...

Grundbildung für den Arbeitsplatz

Newsletter: Wirtschaft und Ethik